Heute fällt die Entscheidung zu den olympischen Winterspielen 2018 …
und ich frage mich, ob es für München nicht Alternativen gibt. Große Sportveranstaltungen gehören mittlerweile zu einem wichtigen Marketing-Instrument von Städten. Viele Städte bewerben sich aber nicht um die olympischen Spiele, um sich positiv zu positionieren, sondern etablieren Ausdauer-Events. Das fängt bei New York, Berlin, Hamburg mit seinen beliebten und bekannten Marathons an und geht bei kleineren Regionen wie Roth und dem Kraichgau weiter, die sich über Triathlons einen Namen machen. Barcelona und Kopenhagen veranstalten mittlerweile auch einen großen Triathlon pro Jahr. Diese beiden Städte sind von der Größe und ihrer “Hipness” her sehr gut mit München vergleichbar. Nur in München scheinen Sportarten, die mit Laufen, Radfahren und Schwimmen zu tun haben und bei denen sowohl der Profi-Athlet als auch der Jedermann teilnimmt einen schweren Stand zu haben.
Die großen Ausdauerwettkämpfe der letzten Jahre ziehen Athleten und Zuschauer zu Zehntausenden an und werden immer populärer. Als Beispiel soll im folgenden Hamburg dienen. Man könnte ähnliches auch über Berlin schreiben oder für Triathlons über eine der oben genannten Regionen oder Städte.
Der Hamburg Marathon zählt allein jedes Jahr um die 16.000 Personen, die im Ziel ankommen und das Vielfache an Zuschauern (2011 geschätzte 850.000 Personen laut Veranstalter). All das an einem einzigen Wochenende. Für Hamburg bedeutet das überregionale Medienaufmerksamkeit und damit verbunden ein positives Image als sportliche Stadt sowie ausgebuchte Hotelzimmer und damit ein wirtschaftliches Plus für die Gastronomie. Für die Hamburger Bürger ist der Marathon ein Spektakel, an dem sie entweder selber teilnehmen, oder bei dem sie Freunde und Bekannte anfeuern und mit Gleichgesinnten aus der Ferne in Kontakt kommen.
Der Aufwand der Stadt Hamburg besteht vor allem darin, die Strecken mit abzusperren und zu sichern und die diversen Genehmigungen zu gewähren. Der Rest wird vom Veranstalter organisiert und von Sponsoren getragen. Nicht vergessen darf man dabei auch die Startgebühren der 25.000 angemeldeten Teilnehmer, die das Ganze zu einem Geschäftskonzept machen, bei dem auch der Veranstalter Freude hat, wenn er seinen Kontostand sieht.
Insgesamt etwas, bei dem die Stadt Hamburg also nur gewinnen kann. Dieses Konzept haben auch schon viele andere Städte begriffen: in Barcelona und in Kopenhagen gibt es seit kurzem jeweils einen Triathlon, einmal über die halbe und einmal über die ganze Ironman-Distanz. In Kopenhagen geht dabei der Kurs, genauso wie in Hamburg der Marathon, durch die schöne Innenstadt.
Nun muss man wissen, dass die Teilnehmerzahlen im Bereich des Marathons mittlerweile stagnieren. Das allerdings auf einem hohen Niveau. Gleichzeitig steigen die Teilnehmerzahlen im Bereich des Triathlons. Für die Zukunft scheint daher der Triathlon bessere Aussichten zu bieten. Aber auch beim Marathon gäbe es noch Raum, um sich zu positionieren: im süddeutschen Raum gibt es keine bekannten Marathons. Der nächste, der einem einfällt, ist Wien. Aber das ist bereits weiter weg und auch nicht Süddeutschland.
Diese gesamte Entwicklung scheint an München als Stadt vorbei zu gehen. Gibt es einen überregional bekannten Triathlon in München? Nein. Es gibt sehr schöne kleinere Triathlons, wie den vom MRRC. Aber über München hinaus sind diese nicht bekannt. Gibt es einen Marathon in München? Ja. Es kamen 2009 circa 5.500 Personen im Ziel an, bejubelt von 60.000 Zuschauern. Obwohl man damit wirbt, die fünftgrößte Veranstaltung in Deutschland zu sein, kann man den Unterschied zu Hamburg leicht erkennen.
Betrachtet man den Status quo, so ergibt sich ein auf den ersten Blick widersprüchliches Bild:
Zwei Breitensportveranstaltungen in München laufen gut: die Blade Night (jedesmal um die 10.000 Teilnehmer), bei der große Strecken in verschiedenen innenstädtischen Bereichen in München abgesperrt werden und der Sport-Scheck-Stadtlauf (18.000 Läufer). Das ist schön für die Münchner. Überregional berichtet wird darüber allerdings nicht.
Große, auf Unterhaltung ausgerichtete Events werden auch sehr gerne besucht: Ereignisse wie dass Red Bull Crushed Ice (23.000 Personen im Olympiapark) und die Nokia (dieses Jahr: Nike) Air & Style (bis zu 28.000 zahlende Besucher) sind offensichtlich attraktiv. Beides kann aber nicht mit einem Marathon oder einem Triathlon verglichen werden, da hier der “normale” Sportler aufs Zuschauen reduziert wird und sich nicht aktiv beteiligen kann. Die Zuschauerzahlen mögen auch auf dem kleinen Raum des Olympiaparks hoch erscheinen, sind aber im Vergleich zu denen des Hamburg Marathons nur vier Prozent. Münchens Image förderlich sind solche Veranstaltungen durchaus, aber der Tourismus hat davon wenig.
Eine Verbindung von Breiten- und Leistungssport, überregional beachtet, imagefördernd, Gastronomie- und Tourismus dienlich, scheint in München unter keinem glücklichen Stern zu stehen, wie die folgende gescheiterten Projekte zeigen:
Der München Triathlon im Riemer Park, der ab 2009 nicht mehr existierte: Die Foren sagten, der Veranstalter hätte nicht gut genug organisiert, der Veranstalter sagt, die Riemer Bewohner würden blockieren (alles zu laut und zu unangenehm).
Im Juni diesen Jahres wurde im Olympiastadion der Speedman veranstaltet. Ein superschneller, kurzer Triathlon im Olympiastadion den die Zuschauer direkt und vollständig verfolgen können. Tolle Idee, schwach in der Umsetzung. Die Zuschauerzahl war mehr als mager: im VIP-Bereich waren mehr Personen als im gesamten Stadion.
Eine weiteres Event waren die Bulls Cycling Days 2010 und 2011, die laut Veranstalter, dem Delius Clasing Verlag an dem nicht genehmigten Streckenkonzept gescheitert sind: da haben sich München und die umliegenden Gemeinden nicht einigen können. Geplant waren Jedermann-Rennen über verschiedene Distanzen. Die Strecken sollten durch das Zentrum der Stadt und das Münchner Umland zurück zum Odeonsplatz führen. Trotz zwei Versuchen und der Unterstützung durch Bürgermeister Hep Monatzeder wurde es nichts. Fast rührend mutet da seine Aussage an: “Wir wollen München zur fahrradfreundlichsten Großstadt Deutschlands machen”. München will schon. Das Umland nicht. 2012 soll es einen neuen Versuch geben.
Offensichtlich ist es München bisher nicht gelungen ist, seine Chance zu nutzen und überregional für mehr bekannt zu sein, als Fußball und Wintersport.
Da sind natürlich die Veranstalter der Events, die mehrere Fehler begangen haben: wenig Marketing, wenige berühmte Läufer oder Triathleten am Start und schlechte Organisation im Detail. Die Liste der Fehler ist lang, aber wer möchte, kann in den einschlägigen Foren nachlesen, dass bpsw. beim Speedman der erste Termin abgesagt werden musste, da das Schwimmbecken nicht aufgebaut werden konnte. Beim zweiten Mal hatte war es so kalt, dass ein Neopren getragen werden mußte. Der München Triathlon kam nicht mehr Zustande, weil nicht genug Sponsoren gefunden werden konnten. Die Strecke in Riem auf dem BUGA-Gelände ist nicht schlecht, aber weit entfernt von der Innenstadt und für Zuschauer mühsam zu erreichen. Daß das Radfahren eine Windschattenfreigabe hatte, fanden einige Teilnehmer auch störend. Positiv ist hier zu vermerken, dass immerhin verschiedene Veranstalter genug Potential in München sehen, um weiterhin neue Konzepte auszuprobieren.
Eine weitere Hürde in Süddeutschland ist das bayerische Temperament: man steht neuen Dingen nicht unbedingt aufgeschlossen gegenüber und Begeisterungsfähigkeit ist nicht des Bayern hervorragende Eigenschaft. Neue Ideen müssen sich erst einmal bewähren. Das sollte Anlass zur Hoffnung geben: der Triathlon ist dem Bayern aus dem Umland von München bekannt und auch der Marathon ist in München nicht mehr ganz neu. Im Radsport kennt er bereits das 6-Tage-Rennen in München und vermisst es eventuell ein klein wenig, seitdem es nicht mehr veranstaltet wird. Und zumindest persönlich radelt und läuft der Bayer schon ganz gern. Zumindest zum nächsten Biergarten.1)
Am traurigsten erscheint mir aber, dass die Münchner Stadtregierung samt dem Oberbürgermeister seit 2007 an anderer Stelle gebunden sind: die Bewerbung für die olympischen Winterspiele 2018. Geld, Personal und Zeit: all dies ist vorhanden, um ein Ziel zu verfolgen, dem offensichtlich nicht alle Bürger oder auch Bauern der betroffenen Gemeinden Folgen können, und das doch nur wieder Münchens Positionierung im Wintersport bestätigt, statt neue sportliche Perspektiven aufzutun.
Abgesehen davon, ob man sich in München wirklich in sehr illustre Reihe von Nicht-Demokratien einordnen will, die Olympische Spiele veranstalten, muss man sich doch fragen, ob es nicht sinnvoller ist, die personellen Ressourcen von Münchens Stadtverwaltung in erfolgversprechendere und kostengünstigere Kanäle zu leiten. Ausdauer-Events könnten da eine Alternative sein.
Wie Eingangs schon erwähnt, würde München dabei auch monetär Gewinn machen, statt draufzuzahlen: München hätte 250 Millionen Euro zu stemmen von 2013 bis 2018 bei einem Zuschlag für die olympische Winterspiele 2018. Die Kosten für die Bewerbung an sich, für das Land Bayern und für den Bund sind da noch nicht enthalten.
Aber auch hier gibt es einen Funken Hoffnung: Heute wird entschieden, ob die Olympischen Winterspiele 2018 in München stattfinden oder nicht. Falls nicht – vielleicht wendet man sich dann im Rathaus wieder naheliegenderen Konzepten zu und unterstützt diese vehementer.
Für Juli 2011 wurde wieder ein Versuch gestartet, in München einen größeren Triathlon zu etablieren: den “Ironman” 5150. Wieder in Riem. Er wurde bereits auf 2012 verschoben. Man darf also gespannt sein.
* * * Hier noch ein paar Links zu interessanten Artikeln kurz vor dem Entscheidung:
Focus: Olympia könnte sich rechnen, aber nur vielleicht
Süddeutsche Zeitung: Ein Interview mit Herrn OB Ude, der bekanntermaßen voll hinter Olympia steht
Jetzt.de: Hier wird die Frage gestellt, ob man gespannt ist auf die Entscheidung des IOC
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/527264/Wir-sind-Olympia-Oder
1) nur um sicher zu gehen: ich liebe Bayern und auch deren Temperament. Natürlich kann man mangelnden Erfolg nicht auf das Temperament des Publikums zurückführen. Nicht allein. Aber darüber nachdenken kann man schon. Und um das etwas zu illustrieren, hier ein Original aus dem Forum des obigen Artikels:
*Hinzugefügt am 05.09.2011: Mittlerweile mache ich mir wirklich Sorgen: Selbst ein erfolgreiches und beliebtes Event, wie die Nokia Air&Style wird dieses Jahr nicht mehr in München veranstaltet. Bei Facebook gab die Air&Style Company bekannt: “No Air & Style Munich in the winterseason 2011/12. There will not be an Air & Style event in Munich this coming winter season 2011/2012. Air & Style Company and Nike did not find a common ground to continue the partnership. The Oakley and Shaun White present Air & Style Beijing at the National Stadium (Bird’s Nest) on December 3rd 2011 and the Billabong Air & Style Innsbruck-Tirol at the Bergisel Stadium on February 4th 2012 will happen as scheduled.”

